bher[∂]

bher[∂] …

ist ein Gedichtband, , der den Fokus nicht auf Zeit, Raum und Ort legt, sondern auf deren Auflösung und Zwischenräume.

Einstiegspunkt in den Gedichtband ist die etymologische Herkunft vom Wort gebären, das seine Wurzeln im indogermanischen Wort bher[∂] hat, das soviel bedeutet wie [sich] heben, [sich] regen, [sich] bewegen und auch tragen, bringen, holen, hervorbringen.

Die Geburt stellt eine Extreme in jeglicher Hinsicht dar die uns von einem bekannten Ort in eine fremde und auch angstbesetzte Welt übersetzt. Durch die Angst hindurch gehen bedeutet einen Beginn setzen, „denn unmittelbar dahinter steht die Gegenwart“.

Maria Seisenbacher
bher[∂]. Gedichte.
Edition Yara. Graz, Wien, Oaxaca, Barcelona 2012.
ISBN 978-3-9503202-5-1
14,20€

Mit Bildern von: Carlos Chavez
BESTELLUNGEN: office@edition-yara.at

LESEPROBEN:

Unser Kommen liegt
nicht auf Längen- und Breitengraden.
Im Moment des Erwartenden sind alle Wörter
ausgezogenauf Bergspitzen, in Wäldern und
Dreiecken verloren.
Als sei es verschwunden in einen anderen Raum
gehe ich nach Atlantis
und fange an …

barfuss in Körpern
mit erdigen Sohlen
streifen Vögel
dicht den Himmel
entlang
bis zum Lichtstrahl
der auffällt
wie ein Geheimniss
in offene Hand

ist es auch Wind
mit sich getragen
zieht er grundwärts
„Sitz auf,
Zwischenblüte!“

klingt es nach
lebt es vor
und denkt uns
am Abend zu

inmitten des Waldes
außerhalb der Bäume
fließen ihre Schritte
Steine aus Speichel

im Frühling von den Bergen
streift es ihre Haut
verborgen im Mich

dort
wo Wasser
fließt die Adern
trägt sie in sich
was uns umgibt

die Burst voll feuchter Erde
sitzen wir in Ecken
bis es Zeit wird

wenn die Brust sich
über den Schlaf zieht
sagt niemand den barfüßigen Tag an

erst
wenn alles schöpft
beginnt es
ohne Mitkörper
Anfang
im Ende zu sein

PRESSESTIMMEN:

Elena Messner, Literaturhaus Wien (Dez. 2012)

[…] Es ist eine von Auslassungen geprägte, sehr suggestive und stark komprimierte Stimmungslyrik, die Seisenbacher mit ihrem zweiten Gedichtband vorgelegt hat. Diese Lyrik verschweigt klangvoll jene alltagsmedizinischen Wortinstrumente, die eine Schwangerschaft und Geburt geradezu umstellen (Eisprung, Fötus, Wehen, Blasensprung, Entbindung) und übersetzt dieses körperliche Ausnahme-Ereignis stattdessen in mystische freie Verse, die auf Lust-, Liebes- und Angstempfinden rund um eine spezifische weibliche Erfahrung fokussieren: „jeder Raum / ist körperbewohnt / mit Zeit und einem Rufen / ein Körper / der nach unten zieht / hält“.

Johanna Eberl, Wortwerk. Zeitschrift für Lyrik (No11_1/13):

Maria Seisenbachers kürzlich erschienener Gedichtband bher[∂] widmet sich den Ereignissen um die Geburt. Die kompakten Gedichte in drei Kapiteln vermitteln Kraft und Ruhe zugleich. Das indogermanische Wort bher[∂] bedeutet [sich] heben, [sich] regen, [sich] bewegen, was auch die zentralen Momente dieses Bandes sind. Maria Seisenbachers Lyrik thematisiert in diesem Sinn das Dazwischen, in dem unendliches Potential existieren kann. Aus dieser Quelle der Unbestimmtheit beziehen die Gedichte ihre Audrucksstärke. In subtiler Sprache wird das Motiv der Geburt jedoch nie aufdringlich abgebildet, wodurch der Band an Tiefe gewinnt. Die Illustrationen des guatemaltekischen Malers Carlos Chavez existieren im Zwischen des Textes und wirken mit ihm sehr stimmig. In der Edition Yara erschienen, welche ihre Publikationen nachhaltig und fair produziert, präsentiert sich mit bher[∂] ein äußert liebevoller Gedichtband, in dessen Vielschichtigkeit einiges Potential steckt.

Peter Kuhar, VII. Festival STRANOU – Europas Dichter live

Ihre Poesie strahlt eine enorme Sensibilität aus, und zwar nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch ihrem Umfeld gegenüber, jedes Gedicht an sich ist ein Wirkstoff, bestehend aus Geschehnissen und Mitteilungen, die an Haiku erinnern.

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